Wenn ihr schon nicht an die Kunst glaubt, dann sagt doch die nächste documenta ab!

D12 Erklärung vor Fridericianum 070613

Das war 2007: In Anwesenheit des Bundespräsidenten Horst Köhler habe ich die documenta XII zum Klimaflüchtlingslager erklärt und mit einer dauerhaften Installation auf dem Campus der Uni in Kassel – einem Flüchtlingszelt mit der Aufschrift „Klimaflüchtlingslager“ – darauf hingewiesen, dass die größte Herausforderung – und da kann die Kunst sich nicht wegducken – das Abwenden der Klimakatastrophe ist.

Kassel documenta 12 Klimaflüchtlingszelt

 

Documenta Cover

Seit dieser Zeit habe ich mit meinen öffentlichen Interventionen mit Flüchtlingszeltskulpturen in zahlreichen europäischen Städten und später weltweit auf die sozialen Folgen der Klimakatastrophe hingewiesen.

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Hermann Josef Hack, WORLD CLIMATE REFUGEE CAMP, transmediale 2009, Berlin

 

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Schon bei der nächsten documenta 13 2012 habe ich durch öffentliche Aushänge darauf aufmerksam gemacht, dass diese Kunstschau wegen Klimawandel ausfällt.

 

Sticker CANCEL DOCUMENTA

Als Ende 2013 feststand, wer die kommende documenta 14 leiten würde, habe ich unverzüglich dem designierten Leiter geschrieben:

 

22. November 2013
Herrn Adam Szymczyk
documenta und Museum
Fridericianum
Veranstaltungs-GmbH
Friedrichsplatz 18
34117 Kassel

Lieber Adam Szymczyk,
herzlichen Glückwunsch zur Ernennung zum Leiter der documenta 14!

Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass die documenta 14 ausfallen muss – wegen der Klimakatastrophe.

Schon die documenta 12 hatte ich bei der Eröffnung durch Bundespräsident Köhler zum Klimaflüchtlingslager erklärt und auf dem Campus der Uni Kassel ein Klimaflüchtlingszelt errichtet. Damals wollte niemand wahrhaben, was inzwischen durch Wissenschaftler, mit denen ich bereits 1992 im documenta IX-Projekt „Van Gogh TV – piazza virtuale“ über die Folgen globaler Veränderungen gearbeitet habe, nachgewiesen ist: Der Klimawandel ist unumkehrbar eingetroffen und trifft am härtesten die Verwundbarsten und Schwächsten. Sie werden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und die bislang größte Migrationsbewegung in Gang zu setzen.

Nicht nur die Räumlichkeiten des Fridericianums und die anderen Spielstätten der documenta in Kassel, sondern auch alle anderen Ausstellungshallen und Museen werden für die Unterbringung von Klimaflüchtlingen konfisziert.

Die Kunst rühmte sich seit Jahrhunderten, Wegbereiter für gesellschaftliche Umwälzungen und Seismograph für kulturelle Veränderungen zu sein. Was den Klimawandel angeht, hat sie leider auf ganzer Linie versagt. Jedenfalls haben alle etablierten Künstler/innen und Kultureinrichtungen zu lange die revolutionäre Umgestaltung ignoriert bzw. negiert, welche sich durch eine Klimakatastrophe vollzieht. Zu sehr scheint die offizielle Kunstszene sich mit denjenigen arrangiert zu haben, welche unaufhaltsam mit ihrer Gier nach noch mehr Ressourcenverbrauch den Treibhauseffekt verstärken und es nicht zugeben wollen, dass wir bereits den point of no return längst überschritten haben. Fragt man, wer sind die erfolgreichen Sammler und Förderer zeitgenössischer Kunst, wer finanziert die großen Ausstellungen und Preise, finden sich schnell Zusammenhänge mit großen Energiekonzernen, Banken, Versicherungen und anderen Treibern des weltweiten CO2-Ausstoßes. Wo waren Künstler/innen, als es galt, den Wahnsinn zu stoppen und die endgültige Zerstörung unseres Planeten zu verhindern? Bis auf ganz wenige Einzelkämpfer, die sich gegen den Strom gestellt haben und es noch immer verzweifelt tun, hat sich die Kunstszene dem Markt unterworfen und denen gehuldigt, die ihr mehr Aufmerksamkeit und materielle Aufwertung versprachen.

Als Folge einer selbstverliebten zukunftsunfähigen Kunstszene sollte die nächste documenta konsequenter Weise ausfallen. Ein Zeichen, dass es jetzt ernst ist, sich mit den wirklich wichtigen Fragen auseinander zu setzen.

Das heißt nicht etwa, dass man einfach nichts tut und die Hände in den Schoß legt – vielmehr gilt es, die Zeit zu nutzen, um die kreativen Fähigkeiten aller zu bündeln. Statt zu resignieren und in Fatalismus zu verfallen, sollten wir gemeinsam Strategien und Lösungen entwerfen, wie wir die nicht mehr zu verhindernde Klimakatastrophe abmildern und die sozialen Folgen weltweiter Migration und Umverteilung gerecht verteilen. Das ist eine kulturelle Herausforderung!

Ich rufe Sie daher auf, die documenta 14 zu canceln und das künstlerische Potential in dringendere Aufgaben investieren zu lassen. Setzen Sie ein Signal und geben Sie einen Anstoß, damit die folgenden Generationen sich neu aufstellen und Chancen zum Überleben auf unserem Planeten entwickeln können.

Womöglich wird es danach wieder eine documenta geben können, die an die Tradition der ersten anknüpfen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Hermann Josef Hack

 

Bisher erhielt ich weder eine Antwort noch eine andere Reaktion. Auch hier gilt scheinbar: Hauptsache, meine Frisur sitzt…

P.S. Wer einen roten Aufkleber bestellen möchte, kann ihn kostenfrei bei mir anfordern, solange der Vorrat reicht.

Gletscher schmelzen die Frisur sitzt 160126

Hermann Josef Hack, GLETSCHER SCHMELZEN, DIE FRISUR SITZT, 160126, Malerei und Sprühfarbe auf Zeltplane, 90 x 67 cm, 2016

 

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2 Gedanken zu “Wenn ihr schon nicht an die Kunst glaubt, dann sagt doch die nächste documenta ab!

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