Interview: Karneval im COP-Festzelt oder Wir schunkeln uns den Klimawandel schön

BREAD ARMY AIR INVASION, 120822, 36 x 36
Der Künstler Hermann Josef Hack gründete 1991 das GLOBAL BRAINSTORMING PROJECT als Kunstprojekt, das möglichst vielen Menschen eine Beteiligung an der Lösungsfindung für die globalen Herausforderungen anbietet. In seinen Bildern auf Zeltplanen und mit seinen Interventionen im öffentlichen Raum thematisiert er u.a. die sozialen Folgen des Klimawandels und schafft neue Sichtweisen auf die weltweiten Veränderungen. Zu Beginn der UN-Klimakonferenz hat Hack auf dem UN-Campus in Bonn den Klimawandel zur Globalen Sozialen Skulptur erklärt.
Die wichtigste Nachricht jedoch, die Hack zur Klimakonferenz mit einem offenen Brief an die Vereinten Nationen verbreitet, ist seine Forderung, dass er als Künstler am Konferenztisch der Klimaverhandlungen sitzen will. Das ist eine Revolution in der Geschichte der Klimakonferenzen, die Hack über die gesamte Zeit mit Aktionen begleitet hat: Die Kunst meldet sich selbstbewusst zu Wort. Klimawandel ist eine kulturelle Frage, sagt Hack, insofern gehören neben Wissenschaftlern, Politikern und Wirtschaftsvertretern auch Künstler auf Augenhöhe an den Verhandlungstisch. Außer Hack ist noch niemand auf diese Idee gekommen. Die Kunstszene hält sich bedeckt, als wollte sie nicht eingestehen, dass ein derartiger Fortschritt bisher an ihr unentdeckt vorbeigezogen ist.
Pablo Verano hat den Künstler am 14.11. in Bonn am Rande der Klimakonferenz interviewt.
 Pablo Verano (V): Herr Hack, zur diesjährigen Weltklimakonferenz in Bonn haben Sie den Klimawandel zur Globalen Sozialen Skulptur erklärt. Was bezwecken Sie damit?
Hermann Josef Hack (H): Mit dieser Aktion mache ich sichtbar, dass der Klimawandel etwas ist, dass wir nicht passiv annehmen müssen, sondern aktiv gestalten können. In Anlehnung an meinen Lehrer Joseph Beuys, der den Begriff der Sozialen Plastik geprägt hat, habe ich diesen Begriff vor Jahren entsprechend um die globale Dimension erweitert. In einfachen Worten: Wir alle sind der Klimawandel, also lasst uns alle gemeinsam dafür sorgen, dass daraus keine Katastrophe, sondern eine Umkehr zu einer nachhaltigen Lebensweise wird.
V: Das ist nicht das erste Mal, dass Sie eine COP (Conference of the Parties) mit Ihrer Kunst begleiten.
H: Ja, richtig, die Klimakonferenzen der Vereinten Nationen habe ich schon in den 1990er Jahren begleitet, immer mit Aktionen, an denen sich die gesamte Öffentlichkeit beteiligen konnte.
V: Ein Beispiel?
H: Nehmen wir 1995, Berlin: Ich habe damals den GLOBAL SWITCH durchgeführt. Das war ein Signal an alle, die weiter denken und handeln wollten als die damaligen Politiker/innen. Alle, die ihren Nachbarn signaiisieren wollten, dass sie bereit waren, für einen aktiven Klimaschutz etwas Konkretes zu tun, schalteten um 20 Uhr alle Lichter in ihrer Wohnung aus und ein paar Minuten später wieder an.
V: Wurde das nicht später wiederholt?
H: Über zehn Jahre später hat Greenpeace versucht, damit ein Zeichen zu setzen, wie ich finde, zu spät.
V: Sie haben aber auch mit Ihrem Klimaflüchtlingslager schon lange, bevor dies ein Thema in der öffentlichen Wahrnehmung wurde, versucht, auf die Konferenzteilnehmer einzuwirken und Asylrecht für Klimaflüchtlinge gefordert.
H: Das war zur UN-Klimakonferenz auf Bali 2007.
V: Dennoch findet man Sie nirgends im offiziellen Begleitprogramm der Klimakonferenzen. Was ist der Grund?
H: Ich kann es mir nur so erklären, dass meine Arbeit den Ausrichtern der Konferenzen, den Vertretern der Vereinten Nationen, nicht passt, da ich konkrete Forderungen stelle und die Dinge beim Namen nenne. Die von den Veranstaltern angeheuerten Künstlerinnen und Künstler erfüllen wohlfeil die Rolle der harmlosen Unterhaltungsclowns im Schummel-Zirkus. Sie wissen schon: die traurigen Eisbären, die schmilzenden Eisblöcke und großen Weltkugeln, die durch die Gegend gerollt oder übergroß in die Landschaft gebaut werden. Das ist an Trivialität nicht mehr zu unterbieten. Gerade recht, um von den wirklichen Klimasünden und deren Drahtziehern abzulenken.
V: Das hätte ich gern näher erläutert.
H: Wir wissen doch, dass die Klimakonferenzen, so wichtig eine weltweite Einigung auch wäre, in Wirklichkeit zu einem Bazar verkommen sind, auf dem die wohlhabenden Klimaschädiger darum feilschen, möglichst wenig von ihren Privilegien aufgeben zu müssen und die ärmsten Regionen zwingen, die Zeche zu zahlen. Uns wird dann ein Ergebnis von den Staatsoberhäuptern verkündet, das uns in Sicherheit wiegen soll, unsere Repräsentanten würden einen guten Job machen.
V: Was läuft nach Ihrer Meinung da schief?
H: Es sitzen nicht die Richtigen am Verhandlungstisch, zumindest nicht alle, die dort hingehören.
V: Wer fehlt?
H: Wie wir über 23 solcher Verhandlungsrunden erleben mussten, sitzen dort in erster Linie neben den Wissenschaftlern, welche verdientermaßen ihre Ergebnisse zum Status des Planeten dort erläutern, die Interessenvertreter der Wirtschaft, welche ihren Glauben an das ewige Wachstum nicht aufgeben wollen, sowie Politiker aller Nationen, Lobbyisten und selbsternannte Vertreter der Zivilgesellschaft. Es fehlen die Vertreter der Kultur. Schließlich ist der menschengemachte Klimawandel vor allem ein kulturelles Phänomen. Der notwendige Paradigmenwechsel muss von der Kultur ausgehen, zumindest von Kunst und Kultur begleitet werden, wenn er gelingen soll.
Schauen Sie sich das zwei Grad-Ziel der Pariser Klimakonferenz an. Jeder weiß, dass wir bis zum Ende dieses Jahrhunderts mindestens drei Grad, wenn nicht vier Grad Erderwärmung produzieren werden, das heißt, dass für Ihre Enkelkinder Teile dieses Planeten nicht mehr zu betreten sein werden.
V: Ist die Lage wirklich so ernst?
H: Inzwischen sind die Ergebnisse der Klimaforscher eindeutig bewiesen.
V: Haben die Wissenschaftler es nicht geschafft, deutlich genug zum Ausdruck zu bringen, um was es geht und wie ernst die Lage ist?
H: Das ist auch nicht ihre Aufgabe, damit sind sie überfordert. Wir brauchen für die Transformation der Erkenntnisse in die breite Gesellschaft Experten auf diesem Gebiet, die bislang von den Verhandlungen der Klimakonferenzen ausgeschlossen wurden.
V: Künstler wie Sie…
H: Nun, das ist doch klar: der globale Klimawandel als eine kulturelle Herausforderung zwingt unsere Gesellschaft, sich in kürzester Zeit zu verändern oder unterzugehen. Die Wissenschaft hat ihren Dienst verrichtet. Jetzt müssen die Erkenntnisse in konsequentes Handeln umgesetzt werden. Das verändert unser Leben, unsere Kultur. Das erfordert neue Visionen, Entwürfe für ein Leben mit dem Klimawandel, für ein Aufhalten des Klimawandels ist es jetzt zu spät. Das Entwerfen von Visionen ist eine Aufgabe der Kunst, das war es schon immer.
V: Sie fordern also, bei den Klimakonferenzen als Künstler am Verhandlungstisch zu sitzen.
H: Genau, das ist folgerichtig. Hier müssen Künstler in die Pflicht genommen werden, die sich außerhalb des kapitalisierten Kunstbetriebes, der nur noch die Bedürfnisse der Megareichen und Klimasünder bedient, frei bewegen und unabhängig von den Verstrickungen des Kunstmarktes operieren können.
V: Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass die Kunst das schaffen kann?
H: Die heutige Welt wird nicht mehr deterministisch wahrgenommen. Früher war alles Wissen Erfahrungswissen, das man sich selbst angeeignet hat und von dem man sich selbst vergewissern konnte. Heute erwerben wir unsere Erfahrungen durch Dritte (Internet, Soziale Medien). Der Schlüssel hierzu ist Vertrauen. Dabei ist Glaubwürdigkeit nach peripheren Grundlagen ausgerichtet, die nichts mehr mit der Sache zu tun haben. Das Vertrauen vagabundiert, bisher als zuverlässig angesehene Institutionen verlieren an Kraft. Es fehlen Maßstäbe, was moralisch geboten ist. Moral wird ersetzt durch Intuition, also emotionalisierte Bilder, die nicht hingerfragt werden können. Die moralische Kraft hängt an Bildern, Ikonen. Und wer ist Experte darin?
V: Ein schwieriger, verantwortungsvoller Auftrag an die Kunst, der keinen Reichtum verspricht. Wer würde sich das antun?
H: Ich bin bereit. Wenn der Deutsche Kulturrat, die offizielle Vertretung der etablierten Kunstgemeinde, erst im Jahr 2017 auf die Idee kommt, man müsse sich mal mit dem Klimathema näher befassen, dann kann ich nach über 26 Jahren Arbeit an diesem Thema nur müde lächeln über soviel Trägheit. Sie sehen also, auch in der Kunstszene gibt es noch viel Nachholbedarf. Aber es nützt alles nichts: Ohne die Kunst geht es nicht.
V: Zurück zu Bonn. Die UN-Stadt bietet doch ein buntes Rahmenprogramm an, mit Musikkonzerten und Unterhaltungsprogramm für die ganze Familie, auch viel Kunst ist dabei.
H: Und genau hier sieht man das fatale Missverständnis.
V: Inwiefern?
H: Das ist ja, oberflächlich betrachtet, ganz nett. Es kann gar nicht genug Kunst und Kultur geben. Und dass jetzt auch Künstler, für die gestern noch der Klimawandel kein Thema war, anfangen, ihre Arbeit im Bereich der COP 23 unterzubringen, ist verständlich. Der Ersatzgastgeber für die Fidschi-Inseln nutzt die Chance der Klimakonferenz, um für sein neues Kongresszentrum zu werben und sieht das eher unter touristischen Aspekten. Denn es gibt ja schon lange auch einen speziellen Tagungstourismus. Und der liebt auch das künstlerische Beiprogramm, am liebsten mit unzähligen harmlosen künstlerischen Side Events ohne wirklichen Einfluss auf die Tagung, die sich gegenseitig im allgemeinen Grundrauschen aufheben. Wenn es an die milliardenschweren Entscheidungen geht, bleibt die Kunst draußen vor der Tür. Sie ist nur gut für den Nachtisch auf dem Buffet, das im Foyer serviert wird. Das heißt, heute sitzt die Kunst noch nicht einmal am Katzentisch, sondern im Vorzelt bei den Gauklern.
V: Das Fernsehen berichtete ausführlich vom Besuch der Beueler Stadtsoldaten, eines traditionellen Bonner Karnevalsvereins in bunten preußischen Militäruniformen, die mit ihren karnevalistischen Tänzen die Besucher der COP 23 mit deutscher Kultur in Berührung gebracht haben. Ein erster Ansatz, dass der Klimawandel als kultureller Faktor verstanden wird?
H: Als geborener Rheinländer habe ich viel Sympathie für den ursprünglichen Karneval. Interessant ist, dass über diesen Auftritt alle berichtet haben und man sich als Bonner an die alten Zeiten zurück erinnert, als man als Bundeshauptstadt Menschen aus aller Welt ständig hier antraf. Wenn das jedoch alles ist, was man von kultureller Seite erwartet, spricht das für sich: Karneval im COP-Festzelt, wir schunkeln uns durch die Klimakrise.
V: Wie kommt man aus diesem Dilemma?
H: Wir haben nicht noch weitere 23 COPs Zeit, um zu beweisen, dass es ohne Kunst und Kultur nicht geht. Nur wenn die Veranstalter der nächsten Klimakonferenz aus den Fehlern lernen und uns Künstler an den Veranstaltungstisch lassen, sehe ich eine Möglichkeit, den Transformationsprozess erfolgreich zu begleiten. Bonn war noch nicht so weit. Die Ergebnisse werden das zeigen.
V: Wie halten Sie das durch, so lange gegen den Mainstream zu schwimmen?
H: Ich glaube an meine Kunst und halte es mit Victor Hugo, der einmal gesagt hat „Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Meine Zeit ist da, wenn der letzte Zweifler spürt, dass auch er nicht vom Klimawandel verschont wird. Manche brauchen halt noch etwas länger.
V: Herr Hack, viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch.
Abb. oben: Hermann Josef Hack, BREAD ARMY AIR INVASION, 120822, painting on tarpaulin, 36 x 36 cm, 2012
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